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Politik

BNP gewinnt Erdrutschsieg in Bangladesch — Jamaat-e-Islamis historischer Aufstieg wirft Fragen zur Zukunft der Frauenrechte auf

Tarique Rahmans BNP sicherte sich 209 Sitze bei Bangladeschs erster freier Wahl seit 17 Jahren, während die islamistische Jamaat-e-Islami mit 68 Sitzen einen Rekord erzielte.

VonCT Editorial BoardRedaktion

15. Feb. 2026, 10:10

3 min Lesezeit12Kommentare
Panoramic view of the Jatiya Sangsad Bhaban, Bangladesh's National Parliament building in Dhaka
Panoramic view of the Jatiya Sangsad Bhaban, Bangladesh's National Parliament building in Dhaka

Es war kurz nach Mitternacht in Dhaka, als die Frauen ihre Fackeln in die Höhe hielten und durch die Strassen zogen. «Das Volk hat sein Blut gegeben, jetzt verlangen wir Gleichheit», riefen sie über den Lärm des Verkehrs hinweg . In wenigen Stunden würden Millionen von Bangladescherinnen und Bangladeschern zum ersten Mal seit fast zwei Jahrzehnten in einer wirklich freien Wahl ihre Stimme abgeben.

Das Ergebnis, das am Samstag feststand, war eindeutig: Die Bangladesh Nationalist Party (BNP) unter der Führung von Tarique Rahman gewann 209 von 297 ausgezählten Sitzen — eine Zweidrittelmehrheit, die die Partei nach 20 Jahren Abwesenheit an die Macht zurückbringt . Rahman, der noch im Dezember 2025 aus seinem 17-jährigen Londoner Exil zurückgekehrt war, nannte den Sieg «einen Triumph der Demokratie» .

Doch hinter der triumphalen Schlagzeile verbirgt sich eine komplexere Realität. Die eigentliche Überraschung des Abends war Jamaat-e-Islami, die islamistische Partei, die mit 68 Sitzen das beste Ergebnis ihrer 55-jährigen Geschichte einfuhr . Zusammen mit verbündeten Parteien kontrolliert der Jamaat-Block rund 77 Sitze — genug, um eine ernst zu nehmende Oppositionskraft zu bilden .

Die Vorgeschichte liest sich wie ein politischer Thriller. Unter der Herrschaft von Sheikh Hasina, die Bangladesch 15 Jahre lang mit zunehmend autoritärer Hand regierte, war Jamaat-e-Islami verboten, ihre Anführer inhaftiert, verschwunden oder zum Tode verurteilt . Die blutige Studentenrevolution vom Juli 2024, bei der über 1,000 Menschen starben, fegte Hasinas Regime hinweg und öffnete der islamistischen Partei den Weg zurück in die Politik . Thomas Kean, Senior Consultant der Crisis Group für Bangladesch, beschrieb Jamaats Mobilisierung als «beispiellos in ihrer Dynamik» .

Was Beobachter besonders beunruhigt: Die Partei stellte keine einzige weibliche Kandidatin auf . Ihr Vorsitzender Shafiqur Rahman erklärte in einem Gespräch mit Al Jazeera, eine Frau könne die Partei niemals führen, da dies «unislamisch» sei . Ein Beitrag auf Rahmans X-Konto verglich Frauenarbeit mit Prostitution — er wurde gelöscht, nachdem der Politiker behauptete, sein Account sei gehackt worden . Frühere Äusserungen, in denen er die Existenz von ehelicher Vergewaltigung bestritt und sexuelle Gewalt als «das Zusammenkommen unmoralischer Frauen und Männer ausserhalb der Ehe» bezeichnete, tauchten ebenfalls wieder auf .

Zu Jamaats politischen Vorschlägen gehört die Verkürzung der Arbeitszeit für Frauen von acht auf fünf Stunden, wobei der Staat den Einkommensverlust subventionieren soll — damit Frauen mehr Zeit zu Hause verbringen können . In einem Land, in dem Frauen laut der Internationalen Arbeitsorganisation 44 Prozent der Erwerbsbevölkerung ausmachen — der höchste Anteil in Südasien —, empfanden viele den Vorschlag als direkten Angriff auf ihre wirtschaftliche Unabhängigkeit .

«Das sind Ansichten und Massnahmen, wie man sie im Iran und in Afghanistan hört», sagte Zayba Tahzeeb, eine 21-jährige Physikstudentin, die an einem nächtlichen Protestmarsch in Dhaka teilnahm . In ländlichen Gebieten wurde Mädchen von religiösen Führern das Fussballspielen untersagt, weil es als «unanständig» galt, und Frauen berichteten von zunehmendem Druck, ihr Haar zu bedecken .

Doch Analysten warnen davor, Jamaats Erfolg ausschliesslich auf religiösen Konservatismus zurückzuführen. Viele Wähler stimmten aus purer Frustration über Bangladeschs Zweiparteiensystem für die Islamisten. Seit der Unabhängigkeit 1971 pendelte die Macht zwischen der Awami League und der BNP hin und her — beide Parteien belastet durch Vetternwirtschaft und grassierende Korruption . Jamaat war besonders bei jungen Erstwählern beliebt, die 42 Prozent der Wahlberechtigten ausmachen und nach Alternativen hungern .

Shafiqur Rahman gab sich nach der Niederlage versöhnlich. Er werde keine «Opposition um der Opposition willen» betreiben, sondern «positive Politik» verfolgen, erklärte er vor Journalisten . Gleichzeitig monierte seine Partei Unregelmässigkeiten bei der Stimmenauszählung in mehreren knappen Wahlkreisen .

Für Tarique Rahman vollendet der Wahlsieg einen der unwahrscheinlichsten politischen Aufstiege Südasiens. Der Sohn der früheren Premierministerin Khaleda Zia und des 1981 ermordeten Präsidenten Ziaur Rahman steht nun selbst an der Schwelle zum Regierungschef . Indien, das seine Beziehungen zu Dhaka seit Hasinas Sturz hatte verschlechtern sehen, war unter den ersten Gratulanten — Premierminister Narendra Modi sprach von einem «entscheidenden Sieg» und reichte der neuen Regierung gewissermassen die Hand .

Die friedliche Durchführung des Wahltags war für sich genommen bereits ein Meilenstein. Auf den Strassen Dhakas trugen berittene Polizisten Decken mit der Aufschrift: «Die Polizei ist hier, wählt ohne Angst» . Für ein Land, das Jahrzehnte politischer Gewalt, manipulierter Wahlen und autoritärer Herrschaft hinter sich hat, war allein die Möglichkeit, ohne Einschüchterung in der Schlange zu stehen, eine historische Errungenschaft.

Die entscheidende Frage bleibt, ob Jamaat-e-Islamis 68-Sitze-Block Bangladeschs Politik in eine konservativere Richtung drängen wird — oder ob die Parteiführung ihre Rhetorik mässigt, nun da sie der Kontrolle des parlamentarischen Alltags ausgesetzt ist. Für die Frauen, die in jener Nacht vor der Wahl mit erhobenen Fackeln durch Dhaka marschierten, kann die Antwort nicht schnell genug kommen.

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Warum dieses Thema

Bangladeschs erste freie Wahl seit 17 Jahren ist ein geopolitisches Grossereignis, das 170 Millionen Menschen betrifft. Die Kombination aus der Rückkehr der BNP an die Macht nach 20 Jahren, dem beispiellosen Wahlerfolg der Jamaat-e-Islami und den Auswirkungen auf Frauenrechte und Säkularismus in einer muslimischen Demokratie macht dies zu einer der bedeutendsten Wahlen des Jahres 2026. Für ein internationales Publikum ist die Geschichte auch wegen der indisch-bangladeschischen Beziehungen und des Gen-Z-getriebenen politischen Wandels relevant.

Quellenauswahl

Der Cluster stützt sich auf zwei Primärsignale: eine ausführliche Guardian-Reportage über den Aufstieg der Jamaat-e-Islami und die Folgen für Frauenrechte (Tier 1, veröffentlicht am 11. Februar) sowie die deutschsprachige NZZ-Berichterstattung zum selben Thema. Ergänzt wurden diese durch Ergebnisberichte nach der Wahl von Guardian, Wikipedia, Al Jazeera, AP, BBC, NDTV und The Hindu, die per Webrecherche konsultiert wurden.

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