Deutschlands älteste Partei vor der Zerreissprobe: Fünf Landtagswahlen stellen die SPD auf die Existenzprobe
Die SPD liegt in mehreren Bundesländern im einstelligen Bereich und riskiert den Verlust von Rheinland-Pfalz — einem Stammland, das sie seit 1991 ununterbrochen regiert.
18. Feb. 2026, 17:06

Im Willy-Brandt-Haus in Berlin-Kreuzberg, dem Hauptquartier der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, benannt nach ihrem grössten Nachkriegskanzler, arbeiten Strategen an Szenarien, die noch vor wenigen Jahren undenkbar gewesen wären. Die SPD — 1863 als Interessenvertretung der Fabrikarbeiter gegründet und damit die älteste politische Partei des Landes — geht in ein Jahr mit fünf Landtagswahlen, deren Umfragewerte sich in manchen Bundesländern wie eine Nachricht aus der Intensivstation lesen .
Die Zahlen sind ernüchternd. Laut einer Forsa-Erhebung vom November 2025 gaben nur noch 9 Prozent der Arbeiter und Arbeitslosen an, SPD wählen zu wollen . Die Partei, die einst die Stimme der kleinen Leute war, hat ihre angestammte Wählerschaft verloren — und zwar nicht an eine andere linke Kraft, sondern an die Alternative für Deutschland. Eine infratest-dimap-Umfrage nach der Bundestagswahl im Februar 2025 ergab, dass 38 Prozent der Arbeiterwähler ihr Kreuz bei der AfD gemacht hatten . Forsa-Chef Manfred Güllner sprach offen von einer «existenziellen Bedrohung» für die SPD, nachdem die Partei bei der Bundestagswahl bei rund 16 Prozent gelandet war .
Das unmittelbare Schlachtfeld zeichnet sich ab. Am 8. März wählt Baden-Württemberg einen neuen Landtag. Zwei Wochen später, am 22. März, folgt Rheinland-Pfalz . Drei weitere Landtagswahlen stehen im weiteren Verlauf des Jahres an. In Baden-Württemberg pendelt die SPD unter Spitzenkandidat Andreas Stoch, einem ehemaligen Kultusminister, zwischen 10 und 12,5 Prozent — deutlich hinter CDU und Grünen und sogar leicht unter dem bereits desaströsen Ergebnis von 11 Prozent aus dem Jahr 2021 .
Doch der eigentliche Nerv der Partei liegt in Rheinland-Pfalz. Seit 1991 regiert die SPD das westdeutsche Bundesland ununterbrochen — über 35 Jahre, die die Amtszeiten von Rudolf Scharping, Kurt Beck, Malu Dreyer und nun Alexander Schweitzer umspannen . Schweitzer übernahm das Amt des Ministerpräsidenten 2024 nach Dreyers Rücktritt und steht vor einer Aufgabe, die seine Vorgängerin zweimal scheinbar mühelos gemeistert hat: den Trend in der Schlussphase des Wahlkampfs drehen. Dreyer gelang dies 2016 und 2021 gegen Umfragen, die die SPD bereits abgeschrieben hatten. Ob dem national weniger bekannten Schweitzer dasselbe gelingt, ist die offene Frage in Mainz.
Die CDU unter Gordon Schnieder wittert ihre Chance, einen Regierungswechsel herbeizuführen, der seit über drei Jahrzehnten ausgeblieben ist . Auf Bundesebene hat die CDU/CSU unter Kanzler Friedrich Merz einen deutlich konservativeren Kurs eingeschlagen. Angesichts leerer Staatskassen und einer hartnäckig schwachen Konjunktur plant die Union umfassende Reformen des Sozialstaats, des Rentensystems, des Gesundheitswesens und der Altenpflege . Dieser schärfere Kurs macht es der SPD als Juniorpartnerin in der Berliner Koalition noch schwerer, ein eigenständiges Profil zu entwickeln — ein Problem, das die Partei aus den Merkel-Jahren nur zu gut kennt.
Die Wurzeln der SPD-Krise reichen tief. Als Gerhard Schröder 1998 mit knapp 41 Prozent das Kanzleramt eroberte, schien die Partei eine Formel gefunden zu haben, die Linke und Mitte gleichermassen ansprach . Doch Schröders Agenda 2010 — Kürzung von Sozialleistungen, Lockerung des Kündigungsschutzes, Ausweitung des Niedriglohnsektors — trieb einen Keil durch die Partei. Der linke Flügel rebellierte. Enttäuschte Mitglieder und Wähler wanderten zur 2007 gegründeten Linkspartei ab, die aus der Fusion der ostdeutschen PDS und der westdeutschen WASG, einer SPD-Abspaltung, hervorging .
Angela Merkel verschärfte das Problem. Als CDU-Chefin und Kanzlerin von 2005 bis 2021 verschob sie ihre Partei systematisch in Richtung Mitte — ein Manöver, das parteiinterne Kritiker als «Sozialdemokratisierung der CDU» bezeichneten . Für Wähler wurden die programmatischen Unterschiede zwischen den beiden Volksparteien zunehmend unkenntlich, zumal CDU/CSU und SPD den Grossteil der Jahre zwischen 2005 und 2021 gemeinsam regierten. Die SPD verlor in alle Richtungen — an die Grünen bei Umwelt- und gesellschaftsliberalen Themen, an die Linke beim Sozialstaat, an die CDU bei der pragmatischen Mitte.
Die kurze Kanzlerschaft von Olaf Scholz (2021-2025) brachte keine nachhaltige Erholung. Seine Dreierkoalition mit Grünen und FDP war durch grundlegend unvereinbare wirtschaftspolitische Vorstellungen der Partner gelähmt . Die Regierung zerbrach vorzeitig, und die SPD ging mit 16 Prozent in die Bundestagswahl 2025 — ungefähr dort, wo sie vor Scholz' überraschendem Wahlsieg 2021 gestanden hatte, der mehr den Pannen des CDU-Wahlkampfs geschuldet war als einer echten SPD-Renaissance.
Konservative Beobachter sehen den Niedergang als strukturell und weitgehend selbstverschuldet. Die Partei habe ihre Arbeiter-Basis zugunsten eines urbanen, akademisch geprägten Milieus aufgegeben, das bereits von den Grünen umworben wurde . Ihre Hinwendung zu liberaler Migrationspolitik, Klimaregulierung und Identitätspolitik habe genau jene Wähler verprellt, die einst ihr Fundament bildeten — ein Muster, das sich bei Mitte-Links-Parteien in ganz Westeuropa beobachten lässt, von Labour in Grossbritannien bis zur Parti Socialiste in Frankreich.
Verteidiger der SPD verweisen auf ihre Widerstandsfähigkeit. Die Partei sei schon öfter totgesagt worden — vor der Bundestagswahl 2021 lag sie bei 16 Prozent und ging dennoch als stärkste Kraft hervor . In Rheinland-Pfalz verfüge die SPD über eine Tradition später Aufholjagden, getragen von populären Amtsinhabern und starken lokalen Marken. Schweitzer habe den Vorteil des Amtes und einer funktionierenden Landesregierung.
Die Bundesregierung laviert derweil. Sowohl CDU als auch SPD vermeiden offene Streitigkeiten vor den Märzwahlen, doch diese Vorsicht hat zu einer innenpolitischen Lähmung geführt . Politische Beobachter erwarten, dass die Ergebnisse in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz eine Abrechnung erzwingen. Verliert die SPD die Macht in Mainz, dürfte der Druck innerhalb der Partei wachsen, sich auf Bundesebene von der CDU zu distanzieren — was die Koalition destabilisieren könnte.
Die Tragweite geht über das Schicksal einer Partei hinaus. Deutschlands Nachkriegsordnung beruhte auf zwei dominanten Volksparteien, die gemeinsam 70 bis 80 Prozent der Stimmen auf sich vereinten. Heute kämpfen CDU/CSU und SPD darum, zusammen 40 Prozent zu erreichen. Die Fragmentierung der Parteienlandschaft — mit Grünen, AfD, Linken, BSW und Freien Wählern — hat Koalitionsbildung komplex und Regieren schwierig gemacht. Für die SPD sind die Landtagswahlen 2026 nicht bloss ein Stimmungstest. Sie sind ein Referendum darüber, ob eine 163 Jahre alte Partei in einer politischen Landschaft, die ohne sie weitergezogen ist, noch eine Daseinsberechtigung findet.
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Warum dieses Thema
Der mögliche Zusammenbruch der ältesten politischen Partei Deutschlands bei mehreren Landtagswahlen ist eine erstrangige politische Geschichte mit Auswirkungen auf die Stabilität der Bundeskoalition und die breitere Entwicklung der europäischen Sozialdemokratie. Mit fünf Landtagswahlen 2026 und historisch niedrigen SPD-Umfragewerten in mehreren Bundesländern hat das Thema unmittelbare wahlpolitische Bedeutung und längerfristige strukturelle Relevanz für die deutsche Regierungsführung.
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Der Artikel stützt sich hauptsächlich auf eine am 18. Februar 2026 veröffentlichte Analyse der Deutschen Welle, ergänzt durch Umfragedaten von Forsa, infratest-dimap und INSA. Der Cluster enthält zwei Signale, die doppelte URLs desselben DW-Artikels darstellen. Zusätzlicher Kontext zu den Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz wurde aus Wikipedia-Wahlseiten und Welt-Berichterstattung gewonnen. Die Erzählung kontextualisiert die aktuelle Umfrageschwäche der SPD innerhalb eines breiteren Niedergangsbogen, der bis in die Schröder-Ära zurückreicht.
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