Europas Verbotsoffensive gegen Social Media für Kinder eilt den Erkenntnissen aus Australien voraus
Über ein Dutzend Länder drängen auf Social-Media-Verbote für Minderjährige nach australischem Vorbild — doch erste Daten zeigen, dass Teenager das Verbot umgehen, und Forscher mahnen zur Vorsicht.
18. Feb. 2026, 18:03

Als Australien Anfang Dezember vergangenen Jahres sein weltweit erstes Verbot sozialer Medien für unter 16-Jährige in Kraft setzte, horchte die europäische Politik auf. Kaum zwei Monate später hat sich daraus ein regelrechter Wettlauf entwickelt: Von Paris über Madrid bis Kopenhagen überbieten sich Regierungen mit Ankündigungen, dem australischen Modell zu folgen. Doch die ersten Erfahrungen aus Australien deuten darauf hin, dass die Wirklichkeit komplizierter ist als die politische Rhetorik.
Deutschlands Bundeskanzler Friedrich Merz sieht in Social-Media-Regulierungen ein Mittel gegen «Persönlichkeitsdefizite und Probleme im Sozialverhalten junger Menschen» . Spaniens Ministerpräsident Pedro Sánchez will Kinder vor dem «digitalen Wilden Westen» schützen . Und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron erklärte, «die Emotionen unserer Kinder und Jugendlichen stehen nicht zum Verkauf und dürfen nicht manipuliert werden» . Die Botschaft ist eindeutig — die Details bleiben es weniger.
Eine diese Woche veröffentlichte Übersicht von Reuters zeigt das Ausmass der Bewegung . Frankreichs Nationalversammlung hat im Januar ein Verbot für unter 15-Jährige verabschiedet, das noch den Senat passieren muss. Dänemark plant ein ähnliches Verbot, das Mitte 2026 in Kraft treten könnte. Spanien kündigte eine Sperrung für unter 16-Jährige mit verpflichtender Altersverifikation an. Griechenland steht nach eigenen Angaben «kurz vor» einer Bekanntgabe. Norwegen arbeitet an einer absoluten Altersuntergrenze von 15 Jahren, Slowenien bereitet ein Gesetz zum Ausschluss unter 15-Jähriger vor. Grossbritanniens Technologieministerin Liz Kendall bestätigte, dass die Regierung ein Verbot nach australischem Vorbild noch in diesem Jahr erwägt .
Das Muster ist auffällig: Mehr als ein Dutzend Länder drängen gleichzeitig auf Beschränkungen — und fast alle berufen sich auf Australien als Vorbild. Doch gerade die australische Erfahrung wirft unbequeme Fragen auf, ob Verbote in der Praxis besser funktionieren als in der politischen Kommunikation.
Australiens eSafety-Kommissarin Julie Inman Grant berichtete, Social-Media-Unternehmen hätten «in der ersten Dezemberhälfte rund 4.7 Millionen Konten entfernt, die als Kindern unter 16 Jahren zugehörig identifiziert wurden» . Die Zahl klingt eindrucksvoll und hat europäische Politiker offensichtlich elektrisiert. Doch Tama Leaver, Professor für Internetstudien an der Curtin University in Perth, relativierte gegenüber der Deutschen Welle: «Wir haben keine Aufschlüsselung dieser Zahl, und wir wissen nicht, wie viele neue Konten — möglicherweise von Teenagern, die sich älter ausgeben — im selben Zeitraum erstellt wurden» .
Anekdotisch, so Leaver, «scheinen viele 13- bis 15-Jährige das Verbot umgangen zu haben, während andere nur von einigen Plattformen ausgesperrt wurden, von anderen nicht» . Die technischen Grenzen der Altersverifikation über Selfies und biometrische Werkzeuge hätten sich als «ziemlich genau so ungenau erwiesen, wie die meisten Leute im Voraus erwartet hatten» . Es ist eine Einschätzung, die von Medienberichten und anderen Fachleuten gestützt wird.
Susan Sawyer vom Murdoch Children's Research Institute — Australiens grösstem Forschungszentrum für Kindergesundheit — zeigte sich überrascht über das internationale Tempo. «Ich hätte erwartet, dass man die Ergebnisse des australischen Verbots zunächst abwartend beobachtet, bevor Regierungen so schnell nachziehen», sagte sie der DW . «Wir wissen nicht, welche Auswirkungen das Verbot haben wird, und müssen das sorgfältig evaluieren. Regierungen müssen aufpassen, dass sie Social-Media-Verbote nicht für ein Allheilmittel halten» .
Die Kritiker der Verbotswelle argumentieren auf einer ganz anderen Ebene. Amnesty Tech bezeichnete solche Massnahmen als wirkungslos und warnte, sie ignorierten die digitale Lebensrealität jüngerer Generationen . Bürgerrechtsorganisationen wie die American Civil Liberties Union sehen in altersbasierten Zugangsschranken ein Einfallstor für «Online-Zensur», die verfassungsmässige Rechte gefährde, ohne tatsächliche Sicherheitsverbesserungen zu liefern. Digitale Rechteexperten weisen darauf hin, dass das Verdrängen von Kindern von etablierten Plattformen sie womöglich in weniger regulierte Bereiche des Internets treibt — verschlüsselte Messenger, unmoderierte Foren oder Plattformen jenseits jeder nationalen Aufsicht.
Besonders die Datenschutzimplikationen der Altersverifikation stehen in der Kritik. Dr. Stephan Dreyer vom Leibniz-Institut für Medienforschung in Hamburg argumentierte, Europa benötige solche Verbote möglicherweise gar nicht, da der europäische Digital Services Act bereits viele Sicherheitsbedenken adressiere . «Altersverifikation im grossen Massstab erfordert entweder eine umfassende Kontrollinfrastruktur oder probabilistisches Profiling — beide Ansätze greifen tief in die Rechte aller Nutzer ein», sagte er. «Europa würde mit seinen stärkeren Grundrechtsrahmen und der DSGVO diese Spannungen noch schärfer spüren. Wir sollten aus Australiens Schwierigkeiten lernen, nicht sie überstürzt nachahmen» .
Auch die rechtliche Landschaft ist von Unsicherheiten geprägt. Reddit hat bereits eine Klage gegen das australische Verbot eingereicht . In den USA sind bundesstaatliche Social-Media-Beschränkungen wiederholt vor Gerichten gescheitert. Ob EU-Mitgliedstaaten angesichts der harmonisierten digitalen Regulierung des Blocks überhaupt einseitige Verbote verhängen können, ist juristisch ungeklärt.
Sawyers Forschung, die dem australischen Senatsausschuss vor Verabschiedung des Verbots vorgelegt wurde, zeigte, dass Kinder im Alter von 10 bis 13 Jahren die stärksten negativen Auswirkungen von Social Media erfahren — insbesondere Mädchen . Sie prognostizierte, dass jeder kulturelle Wandel ein «slow burn» sein werde: Die heutige Generation der Sechs- bis Zehnjährigen, die noch kein Smartphone besitzt, werde schlicht älter sein, wenn Eltern ihnen erstmals Zugang gewähren. «Das ist eine Veränderung sozialer Normen, die nicht über Nacht stattfinden wird» .
Für europäische Regierungen ist die Versuchung, Australien zu folgen, politisch kaum zu widerstehen. Kinderschutz schneidet in Umfragen durchweg gut ab, quer durch alle Wählerschichten. Doch die Kluft zwischen der Ankündigung eines Verbots und seiner Durchsetzung ist gewaltig — und das australische Experiment, gerade einmal zwei Monate alt, hat noch keinen Nachweis erbracht, dass Prohibition Schaden verringert statt ihn bloss verlagert. Die kommenden zwölf Monate werden zeigen, ob Europas politischer Enthusiasmus den Kontakt mit den technischen, rechtlichen und bürgerrechtlichen Realitäten überlebt, mit denen Australien erst am Anfang seiner Auseinandersetzung steht.
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Warum dieses Thema
Eine europaweite Politikbewegung, die Hunderte Millionen Internetnutzer betrifft, verdient eine Prüfung jenseits politischer Ankündigungen. Die Geschichte verbindet unmittelbaren Nachrichtenwert — über ein Dutzend Länder arbeiten aktiv an Gesetzgebung — mit einer kritischen Untersuchung, ob das australische Modell, das sie kopieren, tatsächlich funktioniert. Die Spannung zwischen populären Kinderschutzanliegen und bürgerrechtlichen Implikationen macht dies zu einem Lehrbeispiel für politische Komplexität, die auf simple Botschaften reduziert wird.
Quellenauswahl
Primärquelle ist die ausführliche DW-Analyse [1] mit dokumentierten Interviews mit Prof. Tama Leaver (Curtin University), Dr. Susan Sawyer (Murdoch Children's Research Institute) und Dr. Stephan Dreyer (Leibniz-Institut für Medienforschung). Sekundärquelle ist Reuters' umfassende Faktenübersicht [2] über Regulierungsmassnahmen in über 15 Ländern. Beide sind Tier-1-Nachrichtenquellen mit direkten Zitaten und verifizierten Politikdetails. Ergänzender Kontext aus TechCrunch, Brookings Institution und ACLU-Berichterstattung zu Bürgerrechtsbedenken.
Redaktionelle Entscheidungen
Dieser Artikel stützt sich hauptsächlich auf eine ausführliche Analyse der Deutschen Welle mit Interviews australischer Forscher und deutscher Medienwissenschaftler, ergänzt durch eine umfassende Reuters-Übersicht der globalen Regulierungsbewegung. Der Beitrag balanciert die politische Dynamik hinter den Verboten mit substanzieller Expertenkritik an deren Wirksamkeit, Datenschutzimplikationen und rechtlicher Machbarkeit. Sowohl die Positionen verbotsfreundlicher Regierungen als auch skeptische akademische und bürgerrechtliche Perspektiven erhalten gleichen Raum.
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