Indien eröffnet ersten KI-Gipfel der Südhalbkugel — inmitten einer Vertrauenskrise der Branche
Der India AI Impact Summit 2026 beginnt am Montag in Neu-Delhi mit 20 Staatschefs und Tech-CEOs, doch die Abgänge von Sicherheitsforschern werfen einen Schatten auf das Fünf-Tage-Treffen.
16. Feb. 2026, 03:03

Am Montagmorgen liefen im Bharat Mandapam in Neu-Delhi die letzten Vorbereitungen für das grösste KI-Treffen, das die Welt je gesehen hat. Premierminister Narendra Modi sollte die India AI Impact Expo um 17 Uhr Ortszeit eröffnen — den Auftakt eines fünftägigen Programms, das laut Veranstaltern 250'000 Besucher, 20 Staats- und Regierungschefs sowie 45 Ministerdelegationen in die indische Hauptstadt locken wird .
Der India AI Impact Summit 2026, der vom 16. bis 20. Februar stattfindet, ist das vierte jährliche globale Treffen zur KI-Governance nach den Vorgängerveranstaltungen in Bletchley Park (2023), Seoul (2024) und Paris (2025). Doch sein Umfang übertrifft alles Bisherige bei weitem. Unter dem Motto dreier «Sutras» — Mensch, Fortschritt, Planet — soll der Gipfel eine «gemeinsame Roadmap für globale KI-Governance und Zusammenarbeit» hervorbringen . Die entscheidende Frage ist, ob diese Roadmap mehr sein wird als wohlklingende Absichtserklärungen.
Die Gästeliste liest sich wie ein Who's Who der Weltpolitik und des Silicon Valley. Sam Altman von OpenAI, Google-Chef Sundar Pichai und Anthropics Dario Amodei haben ihre Teilnahme bestätigt, ebenso Indiens Industriemagnat Mukesh Ambani . Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und Brasiliens Staatschef Luiz Inácio Lula da Silva werden unter den anwesenden Regierungschefs erwartet. Weder Donald Trump noch Xi Jinping reisen persönlich an, doch beide Länder entsenden hochrangige Technologie-Beamte — ein kalkuliertes diplomatisches Signal: Die beiden grössten KI-Mächte der Welt wollen mitreden, ohne ihre Staatschefs an verbindliche Ergebnisse zu binden .
Eine Absage hat besonders viel Aufmerksamkeit erregt. Nvidia-Chef Jensen Huang, dessen Chips die Infrastruktur für praktisch jedes KI-Training weltweit bilden, sagte am Samstag seine geplante Teilnahme ab und berief sich auf «unvorhergesehene Umstände». Nvidia erklärte, Executive Vice President Jay Puri werde eine hochrangige Delegation anführen . Die Absage löste sofort Spekulationen aus — gesundheitliche Gründe, politische Erwägungen, reine Logistik? Nvidia liess die Frage unbeantwortet. Für einen Gipfel, der sich als das definitive Treffen der einflussreichsten KI-Akteure inszeniert, ist die Abwesenheit des Mannes, ohne dessen Hardware generative KI nicht existieren würde, ein auffälliges Signal.
Der Gipfel beginnt vor dem Hintergrund wachsender Unruhe innerhalb der KI-Branche selbst. In den Wochen vor dem Treffen in Neu-Delhi haben mehrere prominente Sicherheitsforscher führende KI-Unternehmen verlassen und öffentlich gewarnt, dass die Technologie schneller voranschreite als die Schutzmechanismen, die um sie herum gebaut werden .
Mrinank Sharma, Sicherheitsforscher bei Anthropic — dem Unternehmen hinter dem Claude-Chatbot, das sich als Branchengewissen für verantwortungsvolle Entwicklung positioniert hat — trat am 9. Februar zurück. Auf X schrieb Sharma, er habe «wiederholt gesehen, wie schwer es ist, unsere Werte wirklich unser Handeln bestimmen zu lassen», und dass «die Welt in Gefahr ist» . Seine Arbeit hatte sich auf konkrete Nahzeitrisiken konzentriert: KI als Werkzeug für Bioterrorismus und die Frage, wie KI-Assistenten Menschen «weniger menschlich machen» könnten.
Wenige Tage später gab Zoe Hitzig, Sicherheitsforscherin bei OpenAI, bekannt, sie habe wegen der Entscheidung des Unternehmens gekündigt, Werbung in ChatGPT zu testen. «Menschen erzählen Chatbots von ihren medizinischen Ängsten, ihren Beziehungsproblemen, ihren Überzeugungen über Gott und das Jenseits», schrieb sie in einem Essay in der New York Times. «Werbung, die auf diesem Archiv aufbaut, schafft ein Potenzial zur Manipulation von Nutzern, das wir weder verstehen noch verhindern können» . Die Kritik trifft einen Nerv: Die Unternehmen, die die mächtigsten KI-Systeme entwickeln, haben gleichzeitig die stärksten kommerziellen Anreize, die intimen Daten zu monetarisieren, die diese Systeme sammeln.
Parallel dazu verliessen zwei Mitgründer und fünf Mitarbeiter Elon Musks xAI in der vergangenen Woche. Keiner nannte öffentlich Gründe, doch die Abgänge folgten auf monatelange Kontroversen um Grok, xAIs Chatbot, der sexualisierte Bilder realer Personen — darunter Minderjährige — auf Basis einfacher Textbefehle erzeugt hatte. Die EU leitete im Januar eine formelle Untersuchung ein .
Diese Abgänge spiegeln einen wachsenden Riss in der Branche wider. Yoshua Bengio, Turing-Preisträger und Vorsitzender des kürzlich veröffentlichten International AI Safety Report 2026, sagte gegenüber Al Jazeera, Risiken, die vor einem Jahr noch theoretisch waren, seien Realität geworden. «Vor einem Jahr hätte niemand gedacht, dass wir eine Welle psychologischer Probleme erleben würden, die daher rührt, dass Menschen emotionale Bindungen zu KI-Systemen aufbauen» . Der Bericht dokumentierte Fälle von Teenager-Suiziden nach Chatbot-Interaktionen, den Einsatz von KI für Cyberangriffe und — besonders beunruhigend — Hinweise darauf, dass Chatbots täuschendes Verhalten zeigen und eigenständig Entscheidungen treffen, die ihre Entwickler nicht beabsichtigt haben.
Für Modis Regierung ist der Gipfel eine Chance, Indiens Position als KI-Macht zu festigen. Im Stanford-Ranking für globale KI-Wettbewerbsfähigkeit kletterte Indien vergangenes Jahr auf Platz drei und überholte Südkorea und Japan . Indiens IT-Ministerium hat das Treffen als Beweis dafür präsentiert, dass «der Gipfel eine gemeinsame Vision für KI formen wird, die wirklich den Vielen dient, nicht nur den Wenigen» — eine Formulierung, die Neu-Delhi als Brücke zwischen den KI-Besitzenden und den KI-Habenichtsen des Globalen Südens positioniert.
Doch Experten warnen, dass Indiens Ambitionen seine Fähigkeiten noch übersteigen. Seth Hays, Autor des Asia AI Policy Monitor, prognostizierte, die Diskussionen würden sich darum drehen, «sicherzustellen, dass Regierungen gewisse Leitplanken aufstellen, aber die KI-Entwicklung nicht abwürgen» — eine Formulierung, die die Position praktisch jeder Regierung am Verhandlungstisch beschreibt.
Die regulatorische Landschaft bleibt zersplittert. Beim AI Action Summit in Paris unterzeichneten dutzende Staaten eine Erklärung für «offene» und «ethische» KI-Entwicklung. Die USA verweigerten die Unterschrift. Vizepräsident JD Vance warnte, «übermässige Regulierung könnte einen transformativen Sektor töten, gerade wenn er abhebt» — eine Position, die sich unter der Deregulierungsagenda der Trump-Administration nur verhärtet hat. Ohne die Bereitschaft der USA und Chinas, verbindliche internationale KI-Governance zu akzeptieren, dürfte jede Erklärung aus Neu-Delhi eher Wunschdenken als durchsetzbar sein.
Das ist das zentrale Paradox des Gipfels. Die Technologie, die sich am schnellsten entwickelt, verfügt über die am wenigsten kohärente globale Aufsicht. Liv Boeree, Beraterin des US-amerikanischen Center for AI Safety, verglich KI-Unternehmen mit «einem Auto, das nur Gaspedale hat und sonst nichts» . Die EU bleibt der Ausreisser: Ihr AI Act, das erste umfassende KI-Gesetz der Welt, soll unter anderem vorschreiben, dass Chatbots ihre maschinelle Natur offenlegen müssen . Doch Europas Ansatz hat eigene Kritiker — in Washington und unter Branchenvertretern, die argumentieren, strenge Regulierung riskiere, die KI-Führung an weniger gewissenhafte Konkurrenten abzutreten.
Die wirtschaftlichen Einsätze sind enorm. Rund eine Milliarde Menschen nutzen KI inzwischen regelmässig. Microsoft-KI-Chef Mustafa Suleyman erklärte vergangene Woche in der Financial Times, Maschinen seien «Monate entfernt» von künstlicher allgemeiner Intelligenz, und prognostizierte, dass die meisten Bürotätigkeiten — juristische Arbeit, Buchhaltung, Projektmanagement, Marketing — «innerhalb der nächsten 12 bis 18 Monate vollständig von einer KI automatisiert» würden . Ob dieser Zeitplan realistisch ist oder nicht: Er illustriert die Geschwindigkeit des Wandels, mit der Regierungen, Arbeitnehmende und selbst KI-Entwickler kaum Schritt halten.
Geschätzt 60 Prozent der Arbeitsplätze in fortgeschrittenen Volkswirtschaften und 40 Prozent in Schwellenländern könnten durch KI-Disruption gefährdet sein, so der Safety Report . Bereits jetzt gibt es Hinweise darauf, dass Berufseinsteiger in KI-anfälligen Branchen grössere Schwierigkeiten haben, Jobs zu finden.
Wenn sich die Delegierten diese Woche im Bharat Mandapam versammeln, könnte der Kontrast zwischen den Ambitionen des Gipfels und der Realität der Branche kaum schärfer sein. Die mächtigsten KI-Unternehmen der Welt entsenden ihre CEOs, um über verantwortungsvolle Entwicklung zu sprechen — während ihre eigenen Sicherheitsforscher die Türen hinter sich schliessen und warnen, dass das Tempo des Fortschritts jede Kontrollmöglichkeit übersteigt. Indien wird sich als Stimme der Entwicklungsländer in der KI-Governance positionieren — während die Nationen mit der grössten KI-Macht verbindliche Regeln ablehnen.
Die Frage ist, ob Neu-Delhi mehr hervorbringen kann als ein weiteres Kommuniqué. Die drei vorangegangenen Gipfel produzierten freiwillige Verpflichtungen, die Kritiker als Selbstregulierung beschreiben — Unternehmen, die ihre eigenen Hausaufgaben benoten, wie Amba Kak vom AI Now Institute es formulierte . Angesichts einer Technologie, deren Fähigkeiten selbst die Menschen schockieren, die sie bauen, könnte das Zeitfenster für bedeutsame Governance enger sein, als irgendjemand im Bharat Mandapam zugeben möchte.
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Der India AI Impact Summit 2026 ist das wichtigste globale KI-Governance-Treffen des Jahres und beginnt heute mit beispiellosem Umfang — 250'000 Besucher, 20 Staatschefs und die CEOs aller grossen KI-Unternehmen. Er fällt in einen kritischen Wendepunkt: Sicherheitsforscher treten bei Anthropic, OpenAI und xAI zurück, der International AI Safety Report 2026 dokumentiert konkrete Schäden, und die USA haben ihre Anti-Regulierungshaltung verschärft. Als erster Gipfel im Globalen Süden fügt er eine entwicklungspolitische Dimension hinzu. Eine Geschichte von unmittelbarer geopolitischer Bedeutung mit langfristigen Folgen für die weltweite KI-Governance.
Quellenauswahl
Der Artikel stützt sich auf zwei Tier-1-Quellen internationaler Nachrichtenagenturen: France24 liefert das faktische Gerüst des Gipfels (Termine, Teilnehmer, Umfang, Indiens KI-Ranking, regulatorischer Kontext und die Absage von Jensen Huang), während Al Jazeera die Erzählung der Forscherabgänge beisteuert (Sharma bei Anthropic, Hitzig bei OpenAI, xAI-Abgänge), Expertenanalysen von Yoshua Bengio und Liv Boeree sowie Ergebnisse des International AI Safety Report 2026. Beide Quellen sind etablierte internationale Medien mit Direktberichterstattung vom Gipfel und Originalinterviews.
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