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Europa ringt um eine Russland-Strategie, während die Genfer Friedensgespräche ohne die EU beginnen

Die EU debattiert über einen Sondergesandten für Russland, während US-vermittelte Ukraine-Verhandlungen diese Woche nach Genf ziehen — ohne europäische Beteiligung am Tisch.

Feb 16, 2026, 05:06 PM

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European Union flag at the European Council building in Brussels, symbolizing the EU's diplomatic deliberations over engagement with Russia
European Union flag at the European Council building in Brussels, symbolizing the EU's diplomatic deliberations over engagement with Russia

Am Vorabend einer möglicherweise entscheidenden Diplomatiewoche stehen Europas Hauptstädte vor einer unangenehmen Realität: Der Kontinent, der von Russlands Krieg gegen die Ukraine am unmittelbarsten bedroht ist, sitzt nicht mit am Verhandlungstisch.

Am Dienstag treffen sich ukrainische und russische Delegationen in Genf zur dritten Runde der von Washington vermittelten Friedensgespräche. Die US-Sondergesandten Steve Witkoff und Jared Kushner werden zwischen den beiden Seiten vermitteln . Es ist das erste Mal, dass die Verhandlungen auf europäischem Boden stattfinden — nach früheren Runden in Abu Dhabi und Istanbul. Doch trotz der geografischen Nähe bleibt die Europäische Union auffällig abwesend, was in Brüssel und zahlreichen Hauptstädten eine intensive Debatte über die Rolle des Kontinents ausgelöst hat.

Während des gesamten Krieges hat sich die EU darauf konzentriert, wirtschaftlichen Druck auf Russland auszuüben und die Ukraine militärisch zu unterstützen, während die Vereinigten Staaten und die Türkei die Führung am Verhandlungstisch übernommen haben . Eine direkte diplomatische Kontaktaufnahme mit Moskau über einen koordinierten EU-Gesandten wäre ein erheblicher taktischer Kurswechsel — und einer, den nicht alle Mitgliedstaaten mitzutragen bereit sind.

Der Vorschlag, der derzeit am meisten Aufmerksamkeit erhält, ist die Ernennung eines EU-Sondergesandten für Russland. Besonders der französische Präsident Emmanuel Macron und Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni haben sich für die Idee starkgemacht . Paris hat bereits unilateral gehandelt und kürzlich einen hochrangigen Diplomaten zu einem Treffen mit seinem russischen Amtskollegen entsandt. Die Initiative spiegelt die wachsende Frustration einiger EU-Mitgliedstaaten wider, dass Washington die Bedingungen einer möglichen Einigung weitgehend ohne europäischen Einfluss gestaltet.

Doch der Envoy-Vorschlag hat tiefe Risse innerhalb der Union offengelegt. Deutschland unter dem neuen Bundeskanzler Friedrich Merz hat eine betont vorsichtige Haltung eingenommen. Auf der Münchner Sicherheitskonferenz am Wochenende signalisierte Merz, dass Berlin nur dann zum Dialog bereit sei, wenn Russland echte Bereitschaft zeige, über einen Waffenstillstand und einen konkreten Friedensplan zu verhandeln . Die Position wurde weithin als Absage an die dialogfreudigere französische Linie interpretiert.

Die osteuropäischen Mitgliedstaaten reagierten noch skeptischer. Analysten des Internationalen Zentrums für Verteidigungs- und Sicherheitsstudien in Tallinn argumentierten, die EU müsse zunächst klar definieren, was sie erreichen wolle, bevor sie auf Moskau zugehe . Das Kerndilemma, wie Verteidigungsforscher es formulieren: Würde ein europäischer Gesandter Russland zu einem nachhaltigen Frieden drängen — oder stattdessen Druck auf die Ukraine erzeugen, Bedingungen zu akzeptieren, die territoriale Aggression belohnen? Da weder Moskau noch Washington an europäischer Beteiligung interessiert erscheinen, droht die Initiative bereits vor ihrem Beginn als irrelevant abgestempelt zu werden.

Die Debatte über diplomatische Annäherung fällt in einen Moment, in dem die EU zumindest auf dem Papier über erhebliche Druckmittel verfügt. Am 6. Februar legte die Europäische Kommission ihr 20. Sanktionspaket gegen Russland vor, das Öl- und Gaseinnahmen, die sogenannte Schattenflotte von Tankern, Bankwesen, Kryptobörsen und den Metallhandel ins Visier nimmt . Laut Kommission sanken die russischen Energieeinnahmen 2025 um 24 Prozent — auf den tiefsten Stand seit 2020 — was Brüssel als starken Beleg dafür wertet, dass das Sanktionsregime seine beabsichtigte Wirkung entfaltet.

Kritiker der Envoy-Idee warnen jedoch, dass Gespräche mit Moskau genau diesen Hebel untergraben würden. Russland zeigt wenig Interesse an echten Kompromissen und hält an maximalistischen Forderungen fest — darunter die Kontrolle über den gesamten Donbas, ein Gebiet, das seine Streitkräfte trotz vier Jahren zermürbender Kämpfe nicht vollständig erobern konnten . Die russische Delegation in Genf wird von Wladimir Medinski angeführt, einem erzkonservativen Putin-Berater, der in der Vergangenheit die ukrainische Souveränität in Frage gestellt hat. Ihm zur Seite stehen der Chef des russischen Militärgeheimdienstes Igor Kostjukow und Vize-Aussenminister Michail Galusin.

Dennoch hat auch die Gegenposition ihre Logik. Die Ökonomin und Politikexpertin Elina Ribakova, die unter anderem das Peterson Institute for International Economics und die Kiewer Wirtschaftshochschule berät, hat gewarnt, dass Europas Abwesenheit einen Deal hervorbringen könnte, der Washingtons und Moskaus Interessen auf Kosten des Kontinents dient . Ohne europäische Stimmen im Raum bestehe die reale Gefahr einer Einigung, die die Ukraine zu Zugeständnissen zwinge, welche ihre Souveränität untergräben und russische Ansprüche auf Einflusssphären in Osteuropa stärkten.

Ribakova vertritt eine Denkschule, die europäische Uneinigkeit nicht als fatale Schwäche, sondern als handhabbares Merkmal von Koalitionsdiplomatie betrachtet. Sie hat argumentiert, dass die internen Meinungsverschiedenheiten innerhalb der EU die Position des Blocks nicht zwangsläufig schwächen, da Länder, die entweder Washington oder Moskau zuneigen, eine Minderheit bleiben . Die resultierende Dynamik erzeuge — selbst wenn nicht vollständig vereint — genügend Druck, um die Interessen der Ukraine zu wahren.

Besonders pointiert warnte sie vor falschem Einheitsdrang und deutete an, dass ein voreiliger Konsens gefährlicher sein könne als Uneinigkeit — insbesondere wenn daraus eine Position entstünde, die es Russland faktisch erlaube, Gebiete zu annektieren, die seine Armee nicht einmal militärisch erobern konnte .

Als mögliche Envoy-Kandidaten werden der frühere finnische Präsident Sauli Niinistö, Ex-Kanzlerin Angela Merkel und der ehemalige EZB-Präsident Mario Draghi gehandelt . Baltische Verteidigungsanalysten halten den Einsatz solch hochrangiger Persönlichkeiten zum jetzigen Zeitpunkt für verfrüht und argumentieren, Moskau würde die Annäherung als Zeichen der Schwäche werten, das den Kreml nur in seinen maximalistischen Forderungen bestärken würde. Die europäischen Erfahrungen vor 2022 hätten gezeigt, dass Dialog ohne glaubwürdige militärische Stärke gegenüber einer aggressiven, revisionistischen Macht kontraproduktiv sei.

Unterdessen sendet Washington selbst widersprüchliche Signale. Präsident Donald Trump machte am Wochenende erneut den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj für die Stockung verantwortlich und forderte ihn auf, schnell zu handeln, um eine grosse Chance nicht zu verpassen . Aussenminister Marco Rubio schlug in München einen differenzierteren Ton an und signalisierte, Washington sei noch nicht überzeugt, dass Russland es mit der Beendigung des Konflikts wirklich ernst meine.

Selenskyj wies die Darstellung entschieden zurück. Auf der Münchner Sicherheitskonferenz verwies er auf Russlands Bilanz von Landnahmen in Tschetschenien, Georgien und auf der Krim und argumentierte, Zugeständnisse an den Aggressor wären ein schwerer strategischer Fehler . Russland verliere monatlich zwischen 30'000 und 35'000 Soldaten in einem Feldzug, dessen territoriale Gewinne in keinem Verhältnis zu den gewaltigen Kosten stünden.

Ribakova hat flexible Koalitionen auf Basis gemeinsamer Interessen — statt eines blockweiten Vollkonsenses — als realistischsten Weg für Europa vorgeschlagen . Ein solcher Ansatz würde es Gruppen gleichgesinnter Länder ermöglichen, sich in spezifischen Fragen zu koordinieren, auch wenn Einstimmigkeit unter allen 27 Mitgliedstaaten unerreichbar erscheint.

Die zentrale Frage, vor der Europas Staats- und Regierungschefs nun stehen: Überwiegen die Risiken einer diplomatischen Annäherung an Moskau jene der fortgesetzten Abwesenheit von Verhandlungen, die die Sicherheitsarchitektur des Kontinents auf Jahrzehnte hinaus prägen werden? Ungarn und die Slowakei, die weiterhin von russischer Energie abhängig sind, haben ihre eigenen Kalkulationen. Polen und die baltischen Staaten betrachten jede voreilige diplomatische Öffnung als potenziellen Verrat an der ukrainischen Souveränität.

Klar ist: Der Status quo — in dem Europa die Verteidigung der Ukraine mitfinanziert, Millionen Flüchtlinge aufnimmt und die wirtschaftlichen Kosten der Sanktionen trägt, aber keinen Platz am Tisch hat, an dem über das Endspiel des Krieges verhandelt wird — wird politisch unhaltbar. Ob ein Sondergesandter das richtige Instrument ist, um diese Dynamik zu ändern, oder bloss eine Geste, die Moskau ausnutzen wird, ist eine Frage, die die Genfer Gespräche diese Woche vielleicht klären helfen — auch wenn die Europäer nur von der Seitenlinie aus zuschauen können.

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Mit der dritten Runde der US-vermittelten Friedensgespräche zwischen Russland und der Ukraine, die am Dienstag in Genf beginnen — erstmals auf europäischem Boden —, stellt die parallele EU-Debatte über einen Sondergesandten für Russland einen kritischen Wendepunkt in der europäischen Sicherheitspolitik dar. Die Geschichte verbindet die wichtigste geopolitische Frage des Kontinents mit den internen EU-Spaltungen über diplomatische Strategie. Der Zeitpunkt kurz vor dem vierten Jahrestag der Invasion unterstreicht die Aktualität.

Source Selection

Primärquelle ist die Analyse der Deutschen Welle mit direkten Zitaten der Politikexpertin Elina Ribakova (Peterson Institute, Bruegel, Kiewer Wirtschaftshochschule) und von Bundeskanzler Friedrich Merz auf der Münchner Sicherheitskonferenz. Sekundärquelle ist die Analyse von Kristi Raik vom Internationalen Zentrum für Verteidigungs- und Sicherheitsstudien (ICDS) als skeptische Gegenstimme. Zusätzlicher Kontext aus Guardian, Reuters und NYT zu den Genfer Gesprächen und Aussagen von Trump, Rubio und Selenskyj in München.

Editorial Decisions

Dieser Artikel untersucht die EU-Debatte über die Ernennung eines Sondergesandten für Russland vor dem Hintergrund der nach Genf verlegten US-vermittelten Friedensgespräche. Er balanciert dialogfreundliche Stimmen (Ribakova, Macron) mit Skeptikern (Raik, Merz, osteuropäische Staaten) und vermeidet normative Rahmung. Die diplomatischen Manöver werden im Kontext des Sanktionsregimes und widersprüchlicher US-Signale dargestellt. Quellen sind die DW-Berichterstattung und die ICDS-Analyse.

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