Eine einzige Dosis DMT lindert Depressionen monatelang — erste kontrollierte Studie publiziert
Eine placebokontrollierte Studie am Imperial College London zeigt: Eine einzige intravenöse Gabe von Dimethyltryptamin, begleitet von Psychotherapie, reduziert depressive Symptome bei therapieresistenten Patienten für bis zu sechs Monate signifikant.
Feb 16, 2026, 09:39 PM

Das Wartezimmer des Centre for Psychedelic Research am Imperial College London sieht aus wie jede andere psychiatrische Ambulanz des National Health Service: Linoleumboden, Neonlicht, ein Stapel abgegriffener Zeitschriften. Nichts deutet darauf hin, dass hier seit zwei Jahren eine der ungewöhnlichsten klinischen Studien der modernen Psychiatrie stattfindet. 34 Männer und Frauen mit therapieresistenter Depression — Menschen, bei denen mindestens zwei konventionelle Behandlungen gescheitert waren — sassen hier in Liegestühlen, erhielten eine zehnminütige Infusion und erlebten in etwa der Hälfte der Fälle etwas, das die herkömmliche Medizin nicht hatte liefern können: eine messbare, anhaltende Besserung .
Die am Montag in Nature Medicine veröffentlichten Ergebnisse beschreiben die erste randomisierte, placebokontrollierte Studie zu Dimethyltryptamin (DMT) bei schwerer Depression. Eine einzige intravenöse Dosis von 21,5 Milligramm, eingebettet in psychotherapeutische Begleitung, führte innerhalb einer Woche zu einer statistisch signifikanten Reduktion der Depressionswerte. Der Effekt hielt mindestens drei Monate an, bei einigen Teilnehmern sogar sechs .
Ein Molekül zwischen Schamanismus und Strafrecht
DMT ist der wichtigste psychoaktive Wirkstoff in Ayahuasca, einem Gebräu, das seit Jahrhunderten in schamanischen Ritualen Südamerikas verwendet wird. Gleichzeitig ist es eine der am strengsten regulierten Substanzen der Welt: Die Vereinten Nationen führen es unter Schedule I — hohes Missbrauchspotenzial, kein anerkannter medizinischer Nutzen . Diese Klassifizierung hat die klinische Forschung jahrzehntelang praktisch unmöglich gemacht.
Die Studie unter der Leitung des Psychiaters Dr. David Erritzoe und des Neurowissenschaftlers Tommaso Barba gehört zu den ersten, die diese regulatorischen Hürden überwunden und von Fachkollegen begutachtete Daten aus einem kontrollierten Setting vorgelegt haben .
Zehn Jahre Depression, zwei gescheiterte Therapien
Die Teilnehmer lebten im Durchschnitt seit zehn Jahren mit mittelschwerer bis schwerer Depression. Weltweit erfüllen schätzungsweise 100 Millionen Menschen die Kriterien einer therapieresistenten Depression. Etwa die Hälfte von ihnen ist nicht in der Lage, alltägliche Aufgaben zu bewältigen .
In der ersten, doppelblinden Phase der Studie erhielten 17 Teilnehmer intravenös DMT, die anderen 17 ein aktives Placebo. Ein Therapeut sass während der Infusion und der etwa 25-minütigen psychedelischen Erfahrung schweigend neben jedem Teilnehmer .
Zwei Wochen später erhielten alle Teilnehmer die Möglichkeit einer offenen DMT-Dosis. Ein signifikanter Zusatznutzen einer zweiten Gabe liess sich nicht nachweisen — was darauf hindeutet, dass eine einzige Behandlung ausreichen könnte .
Die Zahlen
Gemessen wurde mit der Montgomery–Åsberg Depression Rating Scale (MADRS), einem klinischen Standardinstrument. Nach zwei Wochen waren die Werte der DMT-Gruppe im Schnitt um 7,4 Punkte stärker gesunken als die der Placebogruppe — ein klinisch bedeutsamer Unterschied. Die Remissionsrate nach drei Monaten lag bei 57 Prozent .
«Je tiefer die Erfahrung, desto grösser der Nutzen»
Eines der bemerkenswertesten Ergebnisse betrifft die Qualität des Erlebten. Teilnehmer, die von intensiveren «mystischen» Erfahrungen berichteten — einem Gefühl der Einheit, tiefgreifenden emotionalen Verschiebungen, veränderten Wahrnehmungen von Raum und Zeit —, zeigten tendenziell eine stärkere therapeutische Verbesserung .
«Je stärker jemand ein Gefühl der Einheit empfand, eine tiefgreifende emotionale Verschiebung und etwas so Tiefes, dass es sich kaum in Worte fassen liess, desto mehr Nutzen berichtete er im Anschluss», sagte Barba .
Diese Korrelation deckt sich mit Befunden aus der Psilocybin-Forschung. Sie wirft eine Frage auf, der sich Regulierungsbehörden und Kliniker irgendwann stellen müssen: Wenn der therapeutische Mechanismus teilweise von einem zutiefst veränderten Bewusstseinszustand abhängt — wie standardisiert man das?
Kürzere Trips, niedrigere Kosten — aber heftigere Landungen
Der grösste praktische Vorteil von DMT gegenüber anderen Psychedelika ist die Geschwindigkeit. Eine Psilocybin-Sitzung dauert vier bis sechs Stunden und erfordert die durchgehende Anwesenheit mehrerer Kliniker. Die Wirkung von DMT erreicht ihren Höhepunkt innerhalb von Minuten und klingt in etwa einer halben Stunde ab .
«Wir haben gezeigt, dass eine einzige DMT-Erfahrung von nur rund 25 Minuten sicher und gut verträglich sein kann und mit bedeutsamen Verbesserungen der Depression einhergeht», sagte Erritzoe .
Doch Kürze bedeutet Intensität. Rick Strassman, ein Pionier der DMT-Forschung und Autor des einflussreichen Buchs «DMT: The Spirit Molecule», mahnte zur Vorsicht: «Die DMT-Erfahrung kann deutlich desorientierender sein als bei länger wirkenden Psychedelika und erfordert sorgfältige Vorbereitung, Überwachung und Nachbetreuung» .
Das Placebo-Problem
Sowohl Befürworter als auch Skeptiker räumen eine methodische Herausforderung ein, die über praktisch jeder Psychedelika-Studie schwebt: die Verblindung. Wer ein starkes Halluzinogen erhält, weiss in der Regel, dass er nicht in der Placebogruppe ist. Die berichteten Verbesserungen könnten daher eine Mischung aus pharmakologischen Effekten und Erwartungshaltung widerspiegeln .
Die Forscher versuchten, dies mit einem aktiven Placebo abzumildern, das gewisse körperliche Empfindungen auslöste, räumten die Einschränkung aber ein. Es ist ein Problem, mit dem das Feld seit den frühesten Psilocybin-Studien ringt.
Konkurrierende Moleküle und kommerzielle Interessen
Die Studie wurde von Cybin UK (ehemals Small Pharma) finanziert und gesponsert — einem Unternehmen, das DMT als kommerziell tragfähige Behandlung positioniert . Das verwandte Molekül 5-MeO-DMT befindet sich in einem fortgeschritteneren Teststadium beim New Yorker Unternehmen AtaiBeckley, dessen Kandidat für therapieresistente Depression möglicherweise für ein beschleunigtes US-Zulassungsverfahren in Frage kommt .
Gleichzeitig hat Psilocybin — der Wirkstoff in halluzinogenen Pilzen — positive Studiendaten geliefert, die Hoffnungen auf eine Zulassung zur Depressionsbehandlung noch in diesem Jahr nähren .
Der kommerzielle Wettbewerb ist intensiv. Therapieresistente Depression stellt einen enormen ungedeckten medizinischen Bedarf dar, und wer die erste zugelassene Psychedelika-Therapie auf den Markt bringt, dürfte einen erheblichen Anteil eines Milliardenmarktes erobern.
Zugang: Nur für Privatpatienten?
Selbst wenn Regulierungsbehörden psychedelikagestützte Therapien genehmigen, bleibt die Zugangsfrage offen. In Grossbritannien erwarten Forscher, dass solche Behandlungen zunächst nur in Privatkliniken verfügbar sein werden — und damit für viele der am stärksten betroffenen Patienten unerreichbar .
2025 wurde die Feilding-Kommission gegründet, um die sichere, ethische und gerechte Einführung psychedelikagestützter Therapien zu begleiten — auch aus Sorge, dass kommerzieller Druck in Privatkliniken die Sicherheit gefährden könnte .
«Wie diese Medikamente in eine Welt der finanziellen Austerität, der Stigmatisierung und der Ablehnung von allem passen, was das Wort ‹psychoaktiv› enthält, weiss ich nicht», sagte Dr. James Rucker, beratender Psychiater am King’s College London .
Was die Hirnforschung nahelegt
Obwohl der genaue Mechanismus nicht vollständig geklärt ist, haben sich aus der Bildgebungsforschung zwei Haupthypothesen herauskristallisiert. Die erste besagt, dass Psychedelika ein temporäres Fenster der Neuroplastizität schaffen — eine Phase, in der das Gehirn leichter neue neuronale Verbindungen bilden kann. Die zweite schlägt vor, dass diese Substanzen die mit chronischer Depression assoziierte Neuroinflammation dämpfen könnten .
Erritzoe hat den Effekt mit einer Bergmetapher beschrieben: Psychedelika «verteilen den Schnee» in der Hirnlandschaft neu, glätten die tiefen Furchen eingefahrener Denkmuster und machen neue kognitive Pfade zugänglich .
Keine der beiden Hypothesen ist abschliessend bewiesen, und möglicherweise wirken beide gleichzeitig. Was die klinischen Daten zunehmend stützen, ist, dass etwas Messbares geschieht — und dass der Effekt die Wirkung des Medikaments um Wochen oder Monate überdauert.
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Diese Geschichte stellt eine bedeutende Entwicklung in der Behandlung psychischer Erkrankungen dar. Die Veröffentlichung der ersten placebokontrollierten randomisierten Studie zu DMT bei Depression in Nature Medicine — einer der renommiertesten medizinischen Fachzeitschriften — markiert einen Meilenstein in der psychedelischen Medizin. Die Studiendaten, die eine anhaltende Remission nach einer einzigen 25-minütigen Behandlung zeigen, haben direkte Auswirkungen auf geschätzte 100 Millionen Menschen weltweit mit therapieresistenter Depression. Die Geschichte berührt Wissenschaft, Regulierung, kommerziellen Wettbewerb und Gesundheitszugang.
Source Selection
Primärquellen sind New Scientist (Tier-1-Wissenschaftspublikation) und The Guardian (Tier-1-Qualitätszeitung), die beide über dieselbe am 16. Februar 2026 in Nature Medicine veröffentlichte Studie berichten. ScienceAlert liefert zusätzliche Details zur MADRS-Methodik. Der Artikel der European Pharmaceutical Review von 2023 bietet historischen Kontext zu früheren Phasen der DMT-Studien derselben Forschungsgruppe. Die originale begutachtete Studie (DOI: 10.1038/s41591-025-04154-z) wird durchgehend zitiert. Alle Quellen sind etablierte, seriöse Medien mit direktem Zugang zu den Forschern.
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